Cronenberger Woche vom 13./14. Juni 2008 Seite 4

Leserbriefe Leserbriefe

„Mehr Neubau-Flächen lösen keine Probleme“

Betr.: „Wir gehen sorgsam mit
Flächen um“ Offener Brief von
OB Peter Jung, CW v. 6.6.2008

Die Versilberung der Wuppertaler Freiflächen findet schon seit OB Kremendahl statt und wird auch durch seinen Nachfolger mit unvermindertem Gang fortgeführt. Wenn hier und da ein Lückenschluss erfolgt oder in einem gesunden Rahmen ein paar Häuser entstehen. hat bestimmt niemand etwas dagegen. Die vorhandene Infrastruktur wird dadurch nicht über Gebühr beansprucht.
Was jedoch in Wuppertal in den letzten 10 Jahren entstand, ist „kapitalistischer Raubbau“ mit 50 und mehr Häusern pro verbauter Wiese. Als Wuppertaler reagiert man dann nach einiger Zeit nur noch eins auf Neubaupläne: allergisch. Die Feststellung, neue Wohnbebauung bringe Wuppertal neue Einwohner, mag stimmen. Aber ebenso scheint Wuppertal ein Problem mit einer hohen Fluktuation zu haben. Die Verwaltung wäre gut beraten, die Gründe für den stetigen Bevölkerungsschwund zu hinterfragen.

Hier ein paar Beispiele: Allein die Neuhaugebiete „auf der grünen Wiese“ verursachen eine verkehrliche Mehrbelastung der umliegenden Straßen, die den Altanwohnern zugemutet wird. Statt der Wohnung im Stadtzentrum verursacht das Haus im Grünen einen längeren Weg in die Innenstadt und evtl. auch zur Arbeit. Mehr Verkehr verursacht mehr Staus.
Das Problem der tausenden leerstehenden Wohnungen wird durch Ausweisung von Neuhauflächen nicht gelöst. Einzigartige Viertel wie der Brill werden mit total unpassenden, überdimensionierten Kuben entstellt. Bauprojekte werden ohne Rücksicht auf vorhandene Infrastruktur durchgeführt.
Die fehlende Restrukturierung vorhandener Stadtviertel begünstigen deren „vergammelten“ Zustand sowie die Konzentration sozial schwacher Familien oder bestimmter Ausländergruppen. Stall eines ausgeglichenen „Anwohnermixes“ entstehen soziale Brennpunkte. Soziale Brennpunkte und (nicht nur) eine Jugend „ohne Werte“ begünstigen Graffiti und Dreck auf den Straßen (inklusive Hundehaufen).
Trotz der Tatsache, dass die Lebensmittelbranche in Deutschland keine nennenswerten Umsatzzuwächse zu verzeichnen hat und der Anteil der Discounter am Kuchen stagniert (siehe Manager-Magazin), findet in Wuppertal ein Wildwuchs statt: Wo früher stadtbild- prägende Bauten prangten, steht anschließend einer der „Flachmänner“ von Aldi, Lidl oder Plus: Margerinenfabrik Isserstedt (Steinbeck), Feuerwache Hahnerberg, um zwei Beispiele zu nennen.
Wuppertal investiert zu wenig in seine Infrastruktur: Straßen, insbesondere Brücken, verrotten, bis eine kostenaufwändige Komplettsanierung oder gar Neubau notwendig wird. Schulen werden gegen den Widerstand der Bevölkerung geschlossen. Auch bei den Schulen besteht das Problem der mangelnden Investitionen in den Bestand.
Es sind meist die Summe der kleinen Unzulänglichkeiten, die bei den Auswanderungswilligen das Fass zum Üherlaufen bringen. Die Ausweisung von Neubauflächen bringt der Stadt Geld, löst aber die gesamtstädtischen und sozialen Probleme nicht.
Norbert Bernhardt
Jägerhofstraße 276

- verfasst 2008-06-13 20:01 in Kategorie:

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